"Das Wort unserer Kammer hat Gewicht"

Die AHK Kroatien feiert dieses Jahr den 15. Jahrestag ihrer Grundung im Oktober 2003. Anlässlich dieses Jubiläums sprachen wir mit den ehemaligen Präsidenten und Geschäftsführern der Kammer, die auf ihre Amtszeiten auf diesen Posten und ihre wichtigsten Momente, größte Herausforderungen und schönste Erinnerungen zurückblickten. Nikola Baron Adamovich war Kammerpräsident von 2014 bis 2018.

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Nikola Baron Adamovich ist in Kolumbien aufgewachsen und schloss seine Schulzeit in Deutschland ab. Auf seine Reserveoffizierslaufbahn bei der Bundeswehr folgte ein Volkswirtschaftstudium in der Schweiz. Seine berufliche Karriere begann er als Commerzbanker in Frankfurt am Main. Fast 20 Jahre lang arbeitete er im internationalen Bank-zu-Bank-Geschäft und betreute dort in verschiedenen Funktionen praktisch alle Länder Mittel- und Osteuropas. Zweimal wurde er von der Commerzbank an den Standort Zagreb entsandt: zunächst im Jahr 2000 für zwei Jahre, dann nochmals 2006 als Leiter der Commerzbank in Kroatien, zuständig auch für Bosnien-Herzegowina. 2016 verließ Baron Adamovich den Bankensektor und widmete sich ganz dem Waldbesitz seiner Familie in Slawonien. Zusammen mit Partnern hat er entlang der Wertschöpfungskette Holz eine Gruppe von Unternehmen aufgebaut, zu denen u.a. das Sägewerk Slavonski hrast d.o.o. in Slatina und die Zagreber Beratungsfirma Salix plan d.o.o. gehören. Seit Jahren engagiert er sich zudem über die Stiftung Znanje na djelu / Wissen am Werk für eine stärkere Verzahnung des kroatischen Bildungssektors mit wirtschaftlicher Praxis. Im Mai 2014 und nochmals 2016 wurde Baron Adamovich für je zweijährige Mandate zum Präsidenten der AHK Kroatien gewählt.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Amtszeit als AHK-Kammerpräsident?

Zu den Höhepunkten gehören neben den vielen gut besuchten Netzwerkveranstaltungen mit unseren Mitgliedern jedenfalls die Regionalkonferenzen in Osijek, Virovitica, Split und Rijeka. Sie sollten die Präsenz der Kammer in den kroatischen Regionen außerhalb Zagrebs verstärken - ein Anliegen, das im Sommer 2017 in die Gründung einer AHK-Außenstelle in Split mündete. Spannend waren zudem die vielen Kontakte zu Entscheidungsträgern in der Politik, immer wieder auch in sehr fruchtbarer Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft. In diese Kategorie fallen auch Gespräche des Kammervorstands mit politischen Parteien und der kroatischen Wirtschaftskammer HGK, die sich für unsere Standpunkte, Erfahrungen und Anregungen interessierten. Hierher gehört auch ein informell stark beachtetes Non-Paper, das wir im Sinne einer wirtschaftspolitischen Beratung zusammen mit den anderen deutschsprachigen Kammern und Flankierung der Botschaften in die Regierung lancierten. Als sehr interessant ist mir der Dialog mit vielen besuchenden Delegationen aus Deutschland in Erinnerung geblieben - sowohl mit Politikern und Wirtschaftsleuten als auch mit Besuchern aus der Berliner Kammerzentrale. Umgekehrt waren auch Reisen im Namen der Kammer nach Deutschland sehr lehr- und hilfreich: besonders erfreulich waren dabei die AHK-Weltkonferenzen in Berlin, auch die Delegationsreise zur Hannovermesse oder ein Termin in München mit dem damaligen kroatischen Premierminister Orešković. Sehr wichtig waren mir die Bemühungen zu einem Pilotprojekt der Dualen Ausbildung sowie die Gespräche, die wir zur Propagierung einer praxisorientierteren Ausbildung mit allerlei Entscheidungsträgern bis hin zum zuständigen Minister geführt haben.

Wie war Ihr Eindruck von Kroatien als Land und Standort während dieses Zeitraums?

Kroatien hatte in den ersten Jahren meiner Mandatszeit noch mit einer ungewöhnlich langen Rezession zu kämpfen. Der EU-Beitritt 2013 hatte dem Land viel Segen gebracht, zugleich aber auch einen doppelten Schock, auf den die einheimische Wirtschaft nicht ausreichend vorbreitet war: das Wegfallen der Zollgrenzen zum riesigen EU-Markt brachte auf der einen Seite frische Konkurrenz ins Land, die nun plötzlich eine recht ähnliche Ausgangsbasis hatte wie die einheimischen Marktteilnehmer. Auf der anderen Seite entstanden zu einigen der angestammten Absatzmärkte der Region neue Zollschranken, die die Konkurrenzfähigkeit der kroatischen Unternehmen dort beeinträchtigte.

Kroatien hatte zudem unverändert mit Nachwirkungen der globalen Finanzkrise zu kämpfen, mit der Bürde der Hinterlassenschaften des Krieges sowie mit den gar nicht zu unterschätzenden Implikationen der Transformation von einer gelenkten Staatswirtschaft zu einer freien Marktwirtschaft.

In der Praxis der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schlugen sich die genannten Herausforderungen vielfach in Form adverser Hürden für Investoren nieder. Diese Hürden waren wesentlich in den folgenden Kategorien zu verorten: Effizienz, Vorhersehbarkeit und Entscheidungsfreudigkeit im staatlichen Verwaltungshandeln auf lokalen und zentralen Entscheidungsebenen, Verfahrensdauer und Vorhersehbarkeit in der Rechtsprechung, regionale Konkurrenzfähigkeit der Steuerlandschaft sowie ihre Übersichtlichkeit und die Beständigkeit der Steuerpolitik über die Zeit.

Auf der anderen Seite hatte und hat Kroatien riesige Schritte in Richtung Rechtsstaatlichkeit, freie Marktwirtschaft und Transparenz bewältigt. Es bot und bietet den Investoren - bei allen vorgenannten Schwierigkeiten - großartige Vorzüge: eine sehr günstige geostrategische Lage auf relevanten Handelswegen, eine wirklich gute Infrastruktur in fast allen Bereichen, die Zugehörigkeit zum riesigen EU-Markt mit seinen Freihandelsvorteilen und Standards, wertvolles Humankapital in einer ganzen Reihe von Branchen, und insgesamt friedliche politische Verhältnisse.

Was waren die größten Herausforderungen, die die Kammer und Sie als ihr Präsident damals bewältigen mussten?

Aus meiner ja etwas ambivalenten Analyse der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Kroatiens ergibt sich ein guter Teil der Herausforderungen der Kammer: wie vermittelt man dem interessierten Investor das richtige Bild von Risiken und Chancen? Aber auch: wie bündelt man am besten die Interessen der Mitgliedsunternehmen und bringt ihre Erfahrungen aus der wirtschaftlichen Praxis den politischen Entscheidern wirkungsvoll nahe? Wie kann man ebendiese Erfahrungen sinnvoll unter den Mitgliedern zirkulieren, wie kann man sie als Anstoß von Besserungen der Rahmenbedingungen nutzen? Und: wie konnten wir als Kammer einen Beitrag zu einem kollektiven Erwachen der Entscheidungsträger leisten - auf dass sie mutige wirtschaftspolitische Maßnahmen gegen den kaum noch reversiblen Exodus von Arbeitskräften und ihren Familien ergreifen würden, der sich als immer drängendere Schicksalsfrage für das Land abzeichnete?

Die lange Rezession und zeitweise politische Lähmung angesichts mehrerer Regierungswechsel und dünner Regierungsmehrheiten trugen nicht zur Reformfähigkeit und Reformwilligkeit der politischen Verantwortungsträger bei. Und so bewegte sich in der Wirtschaftspolitik der Jahre 2013 bis 2017 zu wenig, während die Klagen über Investitionshemmnisse in öffentlicher Verwaltung und Rechtssystem, über unberechenbare Steuerpolitiken, intransparente lokale Netzwerke und priviliegierte Staatsunternehmen nicht abnahmen. Angesichts dieser Gemengelage erforderte es manchmal viel Optimismus, die allseits bekannten Analysen der Schwächen des Investitionsklimas immer neu anzusprechen und auf Abhilfe zu drängen.

Eine sehr augescheinliche interne Herausforderung meiner Amtszeit war eine recht lange Vakanz in der AHK-Geschäftsführerposition. Nachdem Herr Neubert eine spannende neue Aufgabe auf Cuba angenommen hatte, dauerte es einige Monate, bis mit Herrn Potthoff ein bestens qualifizierter und hoch engagierter Nachfolger gefunden und gewonnen war. Während des Interregnum leitete Frau Oršanić-Furlan das AHK-Team in hervorragende Weise. Starke Flankierung kam hierbei aus der Berliner Zentrale, die auch bei der Auswahl des neuen Geschäftsführers eine ausnehmend konstruktive Rolle spielte. Dass die verbindliche Auswahl des AHK-Geschäftsführers letztlich dem lokalen Kammervorstand obliegt - und nicht der Berliner Zentrale - ist ein bewundernswert transparentes und für eine grosse internationale Institution ungewöhnlich dezentrales Vorgehensdetail, das mir schon im Auswahlprozess von Herrn Neubert grossen Respekt vor dem Kammernetzwerk abgenötigt hat.

Woran erinnern Sie sich besonders gerne?

Besondere Freude hat mir die Zusammenarbeit mit dem gut eingespielten und erfreulich motivierten Team von AHK-Mitarbeitern gemacht. Das gilt gerade auch für das vertrauensvolle und harmonische Zusammenwirken mit den beiden Geschäftsführern meiner Amtszeit: mit Gunther Neubert sowie dem sich in den letzten Monaten meines Mandats neu einarbeitenden Sven Potthoff. Auch die enge und konstruktive Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft, namentlich mit Botschafter Thomas Schultze, möchte ich besonders hervorheben. Botschaft und Kammer haben in vieler Hinsicht unterschiedliche Aufgaben und Möglichkeiten, doch haben sie auch viele gemeinsame Interessen und Wirkungsfelder. Ein abgestimmtes Vorgehen bei eben diesen Überschneidungen ist nach meiner Überzeugung ein beiderseits gewinnbringender Imperativ - aber es muss in der Praxis auch umgesetzt und mit Leben gefüllt werden.

Welche Tipps haben Sie für Ihre Nachfolger?

Das Wort unserer Kammer hat Gewicht - und das sollte der Kammervorstand und sein Präsident nutzen! Kroatien und seine Bürger und Entscheidungsträger sind ganz überwiegend ausnehmend deutschfreundlich. Es sind sehr enge Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern gewachsen und kroatische Unternehmen mit deutschem Kapital spielen eine wichtige Rolle in der kroatischen Wirtschaft: wir hatten das Schlagwort von rund 80.000 Arbeitnehmern geprägt, die in Mitgliedsunternehmen unserer Kammer in Kroatien beschäftigt sind - das ist in einem Land mit vier Millionen Einwohnern eine eindrucksvolle Zahl. In ihrer Funktion als Interessensvertretung der deutschen Wirtschaft hat die AHK jede Menge Ansatzpunkte, mithilfe ihres Einflusses die bilateralen WIrtschaftsbeziehungen zu befördern. Dazu gehören auch klare Worte unter Freunden, wenn es bei den Investitionsbedingungen in Kroatien hakt. Kroatien ist auf mittlere Sicht nur geholfen, wenn es seine Investitionsbedingungen anpasst - da sollten Beispiele und Anregungen aus der Kammerpraxis wilkommener Input für die wirtschaftspolitischen Entscheider im Land sein.

AHK Kroatien im Jahr 2030 – was fällt Ihnen zuerst ein?

Meine Hoffnung ist es, dass es in 2030 nur noch eine Ausnahme ist, wenn sich deutsche (und kroatische!) Investoren über Investitionshemmnisse beschweren. Idealerweise gibt es bis dahin in Kroatien das level playing field für alle Marktteilnehmer, ob privat oder staatlich, ob auf dem Land oder in der Stadt. Es gibt dann eine effiziente und schlanke öffentliche Verwaltung, ein transparentes und regional wettbewerbsfähiges Steuersystem, zuverlässig und in zumutbarem Tempo urteilende Gerichte, starke Praxisbezüge im gesamten Ausbildungssektor. Wenn Kroatien das alles erreicht, werden Investoren in Scharen ins Land strömen, wird die kroatische Jugend vielversprechende Perspektiven im eigenen Land erkennen und keinen Anlass haben, dauerhaft ins Ausland abwandern zu wollen. Und die AHK wird dann zunehmend damit beschäftigt sein, kroatischen Unternehmen den Weg nach Deutschland zu ebnen.