Deutsch-kroatische Konferenz "Everything's Digital"

"Wir müssen uns um eine schnelle Veränderung bemühen, denn kommen wird sie sicher"

Wir sollten uns nicht gegen moderne Technologien wehren, antwortete Sonja Popović, Geschäftsführerin des Unternehmens SAP Kroatien auf die Frage, welche Veränderungen uns bevorstehen, wesentliche oder technologische. Wir werden unsere Arbeitsplätze nicht verlieren. Die Technologie werde uns, ganz im Gegenteil, Arbeitsbereiche abnehmen, damit wir die Möglichkeit hätten, unsere Kreativität zu nutzen, so Popović während der Podiumsdiskussion der ersten deutsch-kroatischen Konferenz Everything’s digital, die am 14. November in den Räumlichkeiten der BMW Tomić City Store in Zagreb stattgefunden hat.

Der Geschäftsführer der AHK Kroatien, Sven Thorsten Potthoff, richtete bei der Eröffnung der Konferenz ein großes Dankeschön an Bayern, das im Bereich Digitalisierung sehr fortgeschritten ist, und an die Vertreter der Tomić & Co. Potthoff betonte, zwei Drittel deutscher Unternehmen sähen große Chancen in der Digitalisierung, die Politik hinke jedoch stark hinterher. Ein gutes Beispiel seien die mangelnden Lösungen für schnelles Breitbandinternet, aber auch die Hindernisse in der Digitalisierung und bei der Verbesserung der Bürokratie.

Gastredner Martin Reents, Träger des Deutschen Gründerpreises und mehrfach ausgezeichneter Unternehmer des Jahres führte das Publikum während seines Vortrags zum Thema Digital Disruption in Travel & Tourism auf eine Reise durch ein digitalisiertes Russland. Russland musste nämlich während der diesjährigen Fußball-WM 2,9 Mio. Touristen aufnehmen. Die größten Herausforderungen? Sprache, Transport und Visum. Russland habe sich seit Reents letztem Besuch, 2010, aus technologischer Sicht stark verändert, was während der Fußball-WM klar wurde. So wurden beispielsweise parallele Eisenbahnsysteme aufgesetzt mit 780 Sonderzügen. Die Fahrkarten – für alle Fans kostenlos aufgrund einer neuentwickelten Fan-App. Technologische Lösungen wie eine Fan-ID zur Erleichterung der Einreise, Google-Übersetzer für eine effiziente Kommunikation zwischen lokalen Einwohnern und Fans sowie Uber, in einer, üblicherweise für Touristen geschlossenen Stadt, verbesserten das Reiseerlebnis erheblich. Für jede Herausforderung hat Russland also eine technologische Lösung erarbeitet.

Nach Reents‘ Vortrag diskutierten die Leading Ladies aus führenden Unternehmen in der Digitalisierung, SAP, Hrvatski Telekom und Siemens, im Rahmen einer Podiumsdiskussion über zukünftige Hindernisse und digitale Veränderungen, sowohl in Kroatien und Europa als auch weltweit. Es wird Zeit kosten, doch die neuen Technologien werden unsere Arbeitsweise beeinflussen, meinte Medeja Lončar, Vorstandsvorsitzende von Siemens Hrvatska. Nataša Rapaić, Vorstandsmitglied des Hrvatski Telekom d.d., stellte fest, dass die Veränderungen drastisch sein werden, weshalb wir uns bemühen sollten diese schnellstmöglich durchzuziehen, denn kommen werden sie auf jeden Fall. Auf die Frage, von wie großen Veränderungen wir überhaupt sprechen können, antwortete Hajdi Ćenan, dass der Begriff künstliche Intelligenz schon seit über sechzig Jahren bestünde. Es handle sich um keine Neuheit. Je schneller sich Technologien entwickeln, desto schneller seien die damit einhergehenden Veränderungen. Die Rednerinnen waren sich einig, dass Europa bei der Technologiefrage stark hinterherhinke. Alles geschehe außerhalb Europas, betont Popović. Asien und, was viele überrascht, afrikanische Staaten seien am innovativsten. Die südosteuropäischen Länder hätten gute Grundlagen. Wäre die Gesellschaft anders, wäre man auch in der Lage die Lebensqualität erheblich zu steigern. Wir bei SAP sind dafür bekannt, dass wir neue Dinge ausprobieren und oft vor den Kollegen aus Deutschland und Österreich liegen, meinte Popović, doch um Veränderungen zu erzielen, müsse man Mut zeigen. Ćenan meinte daraufhin, dass Intelligenz, Wissen und Fähigkeiten bestünden, Europa jedoch kein einfacher Markt sei. Es sei schwer eine Plattform zu schaffen, die in ganz Europa funktioniere.

Ein großes Problem sei auch die Auswanderung junger IT-Experten. Rapaić betonte, wie wichtig fähige Arbeitskräfte seien. Je weniger man in die Digitalisierung investiere, desto größer sei unser Problem. Die Menschen ziehe es dorthin, wo sie besser verdienten. Wir produzierten keine neuen und jungen Experten und wenn wir sie einmal befähigt hätten, verließen sie das Land, so Rapaić. Siemens habe beispielsweise Kompetenzzentren, in denen junge Leute global an Projekten arbeiteten. In ihre Ausbildung müssten jährlich 15 000 Euro investiert werden.

Ćenan hat zum Schluss noch die immer größere Bedeutung des Gesundheitssektors hervorgehoben. Es werde immer mehr in die Prävention investiert. Betont wurde außerdem, dass es sich um ein geschlossenes und konservatives System handelt, weshalb Start-ups ohne die Zusammenarbeit mit Institutionen aus dem Gesundheitssektor bis zu einem bestimmten Punkt kommen können und nicht weiter. Wichtig sei es, zu handeln – durch Weiterbildungsmaßnahmen, Steuererleichterungen, einer niedrigeren Einkommenssteuer. Das Humankapital in diesem Bereich ist nämlich sehr wertvoll.